Interviews

Hauptsache Kommunikation startet Interview-Serie "Kreative Fragen"

Alexander Wischnewski ist Webentwickler und einer unserer externen Kollegen. Durch die (zum Teil langjährigen) Partnerschaften mit unseren kreativen Experten bekommen wir immer wieder interessante Einblicke in Welten wie Programmierung oder auch Fotografie und Regiearbeit. Diese wollen wir teilen und haben die HK-Interview-Serie „Kreative Fragen“ ins Leben gerufen. Auftakt ist ein Ausflug in die Welt des Codings.

 

Auch in der IT kommt es auf Nachhaltigkeit an!
Alexander Wischnewski über Werden und Wesen eines Programmierers, nervende Vorurteile und einen der neuesten Trends in der Web-Entwicklung.

Alex, Du bist Coder oder wie bezeichnet Du Deine Tätigkeit genau?

Alexander Wischnewski: Ich würde Web-Entwickler sagen. Coder ist für mich eher ein passender Begriff für sehr enge Spezialisierungen wie z.B. Game-Coder mit C++ oder Java. Der Web-Entwickler ist im Gegensatz zum Coder mehr als Allrounder zu sehen, der nicht nur etwas mit PHP anfangen kann, sondern auch einige weitere Techniken beherrscht – wie CSS/SASS, Javascript, SQL in Verbindung mit weiteren Frameworks wie z. B. Typo3.
 

Wie bist Du in diesen Beruf gekommen?

Wischnewski: Mit 13 habe ich meinen ersten Computer bekommen, einen ZX Spektrum. Schon damals haben mich nicht nur Spiele, sondern auch Programmierung interessiert. Außer Spiele hatte man Basic, Pascal, Grafiksoftware und sogar eine Datenbank dabei. Leider war es sehr umständlich, die ersten „Ergebnisse“ für zukünftige Versuche und Ausbau auf dem Audio-Tape zu verewigen, und wenn es doch gelungen war, diese später wiederzufinden. Im etwa 100 Seiten starken Handbuch waren nur einige Seiten der Programmierung gewidmet, was für einen Anfänger leider zu knapp war. Zum Glück wurde ich etwas später stolzer Besitzer eines Amiga 2000, jetzt konnte man auch Bücher, CDs und Zeitschriften zum Thema finden. Ich wusste also bereits mit 13 Jahren, dass mein späterer Beruf eng mit Computern verbunden ist.


Wie hat Deine Ausbildung ausgesehen?

Wischnewski:
Ich habe an der FH Fulda „Angewandte Mathematik und Informatik“ studiert, obwohl man bereits zur Mitte des Studiums auf das Wort „Mathematik“ ruhig verzichten konnte. Dies waren die letzten Diplom-Studiengänge, danach wurde nur noch ein auf 3 Jahre verkürztes und von der EU vorgeschriebenes Bachelor-Studium angeboten. Ich habe als Schwerpunkt Telekommunikation gewählt und obwohl ich jetzt überwiegend als Medieninformatiker tätig bin, würde ich auf die zusätzlichen Kenntnisse etwa zu Linux/Unix oder Client-Server-Systeme nicht mehr verzichten wollen. Dies hilft mir nicht nur bei der Projektumsetzung, sondern auch bei dem Projekt-Deployment auf die Server der Kunden, bei der Servereinrichtung und dem Support.


Coding ist aus unserer Sicht ein Kreativberuf. Siehst Du das auch so?

Wischnewski:
In der Regel existiert ein Rahmen in der Form eines Frameworks, der die Freiheit des Entwicklers erheblich einschränkt. Es sind nicht nur technische Möglichkeiten und Einschränkungen, sondern auch Guidelines für die Programmiersprache selbst und für das verwendete Framework. Die Guidelines helfen dabei, die Struktur des Projektes zu standardisieren, die Wartung zu erleichtern und die Weiterentwicklung zu sichern. Sie sind zwingend notwendig, da moderne Frameworks mittlerweile sehr komplex sind und man sonst den Überblick schnell verlieren kann. In der Regel hat der Entwickler mehr Spielraum für Kreativität, wenn er das Framework besser versteht und das vorhandene Instrumentarium gut ausnutzen kann.


Die Grenzen zwischen dem technischen Bau einer Website, dem Design und dem Content verwischen immer stärker. Was hat das für neue Herausforderungen für Dich geschaffen?

Wischnewski:
Eine der wichtigsten Regeln bei der Programmierung von Content-Management-Systemen und Frameworks war immer: Design muss streng vom Inhalt getrennt sein. Dies bedeutet, dass man im Idealfall Texte und Bilder getrennt speichert und beliebiges Design ohne inhaltliche Anpassungen direkt anwenden kann. Leider ist dieses Szenario bisher bereits dort gescheitert, wo der Kunde Bilder direkt im Rich-Text-Editor verwenden will. Mit zusätzlichen Hürden muss man auch bezüglich Responsivität rechnen, denn im Idealfall sollte man Inhalte nur einmal hinterlegen, was nicht immer möglich ist, wenn man bei Mobilgeräten designmäßig andere Bilder oder kürzere Texte verwenden möchte. So werden auch hier die Regeln gebrochen – man ist also gezwungen, zusätzliche „Versionen“ der Inhalte getrennt abzuspeichern und diese sowohl im Frontend als auch im Backend abzubilden.


Wer sind typische Kunden für Dich?

Wischnewski:
Typische Kunden sind Agenturen mit 5-10 Mitarbeitern, die auf Typo3 als Framework setzen.


Wie bleibt man auf dem Laufenden, was neue technische Standards, Hürden oder gar Probleme angeht?

Wischnewski:
Wenn man ständig Frameworks nutzt, dann sollte man bei den Updates die Abschnitte „Changes“ und besonders „Breaking Changes“ gut studieren um auf dem Laufendem zu bleiben. Einige Hürden gibt es bei den Updates von PHP oder beim Einsatz von neuen oder seltenen Linux-Distributionen beim Hoster. Die man leider erst erkennt, wenn die Seite online geht. Am besten bleibt man also auf dem Laufenden, wenn man ständig im Einsatz ist, mit Problemen konfrontiert wird und nach Lösungen schaut.


Was sind die großen Trends beim Bau von digitalen Anwendungen?

Wischnewski:
Es sind sicherlich „neue“ Frameworks wie React, Angular, Vue und Ember, die auf neue Konzepte setzen und von Größen wie Google verwendet und weiterentwickelt werden. Als neue Trends kann man auch mobile Frameworks wie z.B. Flutter oder Ionic bezeichnen. Diese ermöglichen die Entwicklung von Web-Anwendungen für Android und iOS gleichzeitig und bieten eine gute Basis für die Entwicklung von systemübergreifenden mobilen Web-Applikationen.
Stichwort Responsive Design.


Ist die Auslieferung von Inhalten auf den diversen Endgerät-Typen überhaupt noch ein heißes Thema unter Codern oder gibt es schon ein neues Stichwort?

Wischnewski:
Momentan spricht man über Responsivität 2.0. Dabei geht es um die Personalisierung der Webseite für die Besucher. Man speichert quasi das Verhalten des Benutzers für den nächsten Besuch ab um z.B. später sofort nach dem Einstieg passende Newsbeiträge oder Produkte zu präsentieren. Inwiefern dies mit den Datenschutzbestimmungen vereinbar ist und ob es Akzeptanz findet, werden wir noch sehen.


Du bist ein Verfechter davon, ein Content-Management-System kreativ anzuwenden und zu customizen (Typo3). Warum?

Wischnewski:
Das System bietet es an, und dadurch profitieren die Redakteure bei der Arbeit mit den Inhalten. Im Gegensatz zu Wordpress kann man auch das Backend von Typo3 stark an die Bedürfnisse anpassen, so bleibt auch im Backend die Struktur der Seite wiedererkennbar. Dies erleichtert besonders bei größeren Projekten die Aufgabe des Redakteurs, minimiert Supportanfragen und bietet insgesamt mehr Überblick.


Was sind Deine Stärken als Coder?

Wischnewski:
Ich bin Allrounder, das ist meine Stärke. Ich kann sowohl mit Backend (Typo3, PHP, Server), als auch mit Frontend (CSS/SASS/Javascript) umgehen und vorhandene Erweiterungen und Bibliotheken gut kombinieren, ohne dabei das Rad neu zu erfinden.


Bist Du schon mal grandios gescheitert an einer Aufgabe?

Wischnewski:
Ja, natürlich. Noch als Student vor fast 20 Jahren habe ich ein Webseiten-Projekt eines namhaften Fahrrad-Herstellers angenommen, zusammen mit zwei Kommilitonen. Das Projekt war design-spezifisch sehr anspruchsvoll, und die Entwicklungszeiten sehr knapp. Das passte nicht gut zu den Kenntnissen von drei frischen Draufgängern mit ein wenig JS/CSS Know-how. Geliefert haben wir mit Verspätung, und das Ergebnis war suboptimal. Dies war für mich sehr lehrreich.


Würdest Du sagen, dass Coder auch einen persönlichen Stil haben bzw. eine Handschrift?

Wischnewski:
Die Handschrift des Programmierers ist tatsächlich besonders im Frontend oft erkennbar, es sind manchmal auch viele Kleinigkeiten, die dann am Ende über die Qualität des Gesamtergebnisses entscheiden. Wenn der Stil bei gleichbleibender Qualität auch bei sehr unterschiedlichen Projekten immer noch wiedererkennbar ist, dann ist es für mich ein Zeichen der Qualifikation des Entwicklers. Wie in allen anderen Berufen ist die Nachhaltigkeit und Stabilität auch in der IT von großer Bedeutung.


Welches Vorurteil begegnet Dir immer wieder?

Wischnewski:
Privat stört mich der Gedanke, dass die Programmierung bzw. IT allgemein nichts Ernstes ist und alles mit ein paar Klicks zu erledigen sei. Häufig begegnet man Nachfragen von mir kaum bekannten Menschen wie „Kannst Du mein PC/Handy/Laptop reparieren/rooten/neu aufsetzen, du bist doch ein Programmierer.“ Ein Gegenvorschlag, wie zum Beispiel zwei bis drei Stunden kostenlos bei mir Fliesen zu legen, provoziert meistens nachdenkliche Gesichtsausdrücke. Manchmal scheint es auch, als ob die Menschen denken, es gäbe einen magischen „Alles wieder gut machen“-Button (http://make-everything-ok.com/). Nach 20 Jahren Erfahrung kann ich entschieden sagen: Diesen Button gibt es nicht.

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