Interviews

„Es gibt keine typischen Jobs!“

Der zweite Teil unserer Serie „Kreative Fragen“ führt uns in die Welt des Films. Joerg Plechinger plaudert mit uns über einen Job, in den er durch Leidenschaft und Zufall geriet, über die Faszination des Mediums Films und über Sehnsuchts-Projekte.

Joerg, Du bist Filmer und Regisseur. Wie bist Du in diesen Beruf gekommen?

Joerg Plechinger: Oh, das ist lange her. 1986 startete ich im Marketing bei Procter & Gamble und war für Marken in den Bereichen Papierprodukte, Waschmittel und Fruchtsäfte tätig. Mit der Produktentwicklung auf Basis von Marktforschung, mit dem Durchführen von Konsumentenumfragen sowie dem Erarbeiten von Marketingaussagen und Claims fing alles an. Ich war noch sehr jung, gerade mal 20, und sprudelte nur so vor Ideen. Das kam an. Schon nach einigen Monaten wurde ich zur Produktion von Werbeaufnahmen rund um den Globus geschickt. Ich begleitete Drehs und Fotoshootings mit renommierten Filmproduktionen, Regisseuren, Kameraleuten, Fotografen und Producern. Eine aufregende und lehrreiche Zeit.

Und wie ging es weiter?

Plechinger: 1990 wurde ich dann von der betreuenden Werbeagentur Saatchi & Saatchi angesprochen, ob ich nicht ganz auf die Seite der Film-, Funk- und Fernsehproduktionen (FFF) wechseln wolle. Ich sagte zu und startete als Produktionsassistent. Drei Jahre später gründete ich mit zwei weiteren Partnern eine eigene Werbefilmproduktion in Frankfurt.

Wolltest Du das schon immer machen?

Plechinger: Das kann ich so nicht sagen. Zwar faszinierte mich Film schon immer, aber dieses Business war viel zu weit weg für mich. Ohne Beziehungen oder Angehörige, die in diesem kreativen Bereich tätig waren, hatte man damals eigentlich keine Chance Fuß zu fassen. Ausbildungsplätze waren heiß begehrt und sehr, sehr rar.

Wie sah Deine Ausbildung aus?

Plechinger: Das Marketing bei P&G öffnete mir die Tür zur Werbeagentur. Jedoch spielte dort zunächst meine Ausbildung bei einem der seinerzeit größten Werbetreibenden keine wirklich große Rolle. Das kam erst viel später, als ich mich selbständig machte … Filmproduktion ist Teamarbeit und war – im Vergleich zu heute – grundsätzlich mit recht großen Budgets verbunden. Da musste ich mich erst einmal einfinden und lernen, lernen, lernen. Kaum ein Projekt lag unter 100.000 Euro. Dementsprechend hoch war auch die Verantwortung, die man als leitender Producer übernahm.

Wie sahen die Jobs zu Anfang aus?

Plechinger: Ich startete – wie erwähnt – als Produktionsassistent, durfte zunächst Funkspots produzieren, Layouts schneiden, Filmproduktionen begleiten und mich erstmal mit den organisatorischen, technischen und kreativen Abläufen auseinandersetzen. Ein langer und manchmal auch ziemlich steiniger Weg. Erst nach knapp drei Jahren übernahm ich dann nach und nach die alleinige Verantwortung für Filmprojekte, wurde zum Producer befördert und machte mich kurz darauf mit zwei weiteren Partnern und einer eigenen Werbefilmproduktion in Frankfurt selbständig.

Toll war, dass ich während der folgenden 15 Jahre sehr bekannten Regisseuren und Kameraleuten wie z.B. Charley Stadler (Top 10 der erfolgreichsten Werbefilmregisseure), Michael Ballhaus (Dracula, Good Fellas etc.), Frazer Taggart (Mission Impossible, Maleficent, Troja etc.) und vielen anderen über die Schulter schauen durfte. Ihre besondere Arbeitsweise, der Ideenreichtum und die Improvisationsfähigkeit war beeindruckend. Ich habe viel von ihnen gelernt.

Erst seit 2010 führe ich selbst Regie und Kamera. Ausgelernt habe ich übrigens bis heute nicht.

Wie viele Auftraggeber hast Du circa?

Plechinger: In den vergangenen drei Jahrzehnten habe ich für rund 40 internationale Werbeagenturen und mehr als 100 Industrieunternehmen bzw. Marken gearbeitet.

Was sind typische Jobs?

Plechinger: Es gibt keine typischen Jobs in diesem Business. Die Herangehensweise ist so vielfältig wie die Produktpalette und die Angebote der unterschiedlichen Unternehmen. Jedes Projekt erfordert eine individuelle Herangehensweise. Und genau das ist es, was mich an meinem Beruf so fasziniert.

Was sind deine Stärken?

Plechinger: Kreativität, Vorstellungskraft und ein gutes Gefühl für effizientes Marketing. Ich denke aber, meine größte Stärke ist Empathie. Du kannst keinen Charakter glaubwürdig inszenieren, wenn du ihn nicht verstehst. Das gilt im Übrigen auch für Produkte. Im Video-Marketing habe ich mich deshalb insbesondere auf die Porträts von Personen hinter den Unternehmen spezialisiert. Ich liebe es, mich mit den unterschiedlichsten Persönlichkeiten auseinanderzusetzen und freue mich immer wieder, wenn ich feststelle, wie schnell ein Protagonist vergisst, dass während unseres Gespräches die Kameras laufen.

Was die Schwächen?

Plechinger: Ich fühle mich von traurigen Filmen oder Musik tief berührt. Das kann auch schon mal während eines Video-Interviews passieren ;-).

Gibt es wie in der Kreation generell auch für Filmer Adaption? Heißt: Dass Du in Projekte einsteigst, die schon begonnen wurden oder Du im Corporate-Stil Bewegtbild weiterentwickeln musst?

Plechinger: Selbstverständlich. Insbesondere in der Werbung sind Adaptionen seit Jahrzehnten die Regel. Global agierende Industrieunternehmen adaptieren gern erfolgreiche Konzepte, die bereits irgendwo auf der Welt erfolgreich funktioniert haben. Aber: Kreative Werbung funktioniert auch in jedem Land anders und kann nicht einfach nur übersetzt werden. Sie muss kulturell und werblich an den Zielmarkt angepasst werden. Die Anforderungen an die Anpassung von Marketing- und Werbemitteln international tätiger Marken sind hoch.

Wie gehst Du generell methodisch ran?

Plechinger: Zunächst versuche ich grundsätzlich den Kunden, seine Anforderungen und Ziele zu verstehen. Ich verstehe mich in diesem Prozess als Sparringspartner und hinterfrage kritisch die eventuell vorhandenen Ideen vor dem Hintergrund der eigentlichen Absicht meiner Kunden.Film ist im Marketing ein Mittel zum Zweck. Erfüllt er nur einen Selbstzweck, ist es vielleicht eine tolle Visitenkarte für den Filmemacher, aber nicht zwangsläufig ein guter Film im Sinne einer erfolgreichen Unternehmenskommunikation.

Ich lege großen Wert drauf, dass die Filme, die ich mache, auch im Sinne des Kunden funktionieren. Nicht immer ist die erste Idee auch die beste Idee. Und ein paar schöne Bilder mit einer tollen Musik machen noch lange kein erfolgreiches Video-Marketing aus. Film sollte man immer als Teil einer Kampagne verstehen.

Hast Du einen Stil?

Plechinger: Bei mir geht es immer um Authentizität. Ich bin gern nah dran.

Was ist ein typisches Vorurteil gegenüber Filmern / Regisseuren?

Plechinger: Dass sie immer einen Schal tragen.

Was kannst Du nicht bzw. woran bist Du mal grandios gescheitert?

Plechinger: Ich bin ein lausiger Schauspieler und deshalb auch am liebsten hinter der Kamera.

Was kann Film, was andere Kunstformen nicht können?

Plechinger: Film ist wohl die effektivste Methode, um Botschaften zu vermitteln. Film erzählt Geschichten. Und Geschichten werden gut erinnert. Film spricht zwei unserer Sinne gleichzeitig an: Das Sehen und das Hören. Das schafft kaum eine andere Kunstform. Film wirkt also auf unterschiedlichen Ebenen und bleibt so besser im Kopf.

Wir haben zum Beispiel für diverse Karriereportale zusammengearbeitet, in dem Testimonials über die Vorzüge des Arbeitgebers berichten. Typische Aufgabe?

Plechinger: Typisch war auch hier, dass zunächst einmal das Kommunikationsziel und die Methode abgestimmt werden mussten. Einvernehmlich war Authentizität hier ein ganz wichtiger Schlüssel. Der Erfolg der Kampagne gibt dieser Herangehensweise recht.

Inwiefern hat die Tatsache, dass Kommunikation zunehmend im Netz stattfindet, das Filmbusiness verändert?

Plechinger: Die digitalen Medien haben unsere Wahrnehmung vollkommen verändert und wir konditionieren unser Gehirn tatsächlich täglich auf das Ausblenden von Werbung und nicht relevanten Beiträgen, auf der Suche nach Relevanz in einer Fülle von Informationen, die uns so noch vor wenigen Jahren nicht zur Verfügung standen.

Früher nahmen Verbraucher die durch die klassischen Medien übertragene Werbung noch viel stärker wahr – zwangsläufig. Der Fernseher oder das Radio lief und ein Überspringen der Werbung war kaum möglich, wollte man doch die Fortsetzung der gewünschten Sendung nicht verpassen. Der Mensch hatte einfach keine andere Wahl. Drauf konnte man als Werbetreibender setzen und das Prinzip funktioniert im TV und Radio scheinbar auch heute noch.

Jedoch schauen heute insbesondere jüngere Menschen weitaus weniger fern, als dies noch vor ein paar Jahren der Fall war und nutzen vielmehr andere Kanäle. Von Interesse sind dabei weniger die Hochglanzproduktionen und hochtrabende Werbeversprechen. Die glaubt heute kaum noch jemand. Viel wichtiger sind Authentizität und Glaubwürdigkeit.

Ein gut gemachtes Product-Review kann heute viel wirkungsvoller sein, als ein noch so schön gedrehtes Werbefilmchen.

Welches Projekt würdest Du gern noch machen?

Plechinger: Ein Projekt, welches dem Schutz unserer Weltmeere dient. Ich liebe das Meer, bin seit mehr als 30 Jahren passionierter Sporttaucher, habe aber noch nie einen Film im Meer gedreht.

Was war das Ungewöhnlichste, was Du machen durftest?

Plechinger: Ungewöhnlich war 1998 die Anfrage eines der größten Herstellers von Knabber-Artikeln zum Relaunch eines bis dahin fast in Vergessenheit geratenen Produktes. Die betreuende Werbeagentur hatte sich konzeptionell festgefahren und der verantwortliche Marketingleiter verzweifelt, denn das Unternehmen überlegte bereits, die Marke sterben zu lassen. In einem sehr kleinen Kreis und einem Zeitfenster von gerade mal 6 Monaten gelang uns eine vollständige Neupositionierung und ein Umsatzzuwachs von fast 1.000 Prozent. Die Marke lebt heute noch. Das war das erste Mal, dass ich mit meiner Expertise und Kreativität einem global agierenden Unternehmen voll umfänglich zur Seite stehen durfte.

 

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